SAMMLUNG · EXEMPLARE 04
BEOBACHTEN VERBOTEN
Besitz &
Objektrolle
Erfasst. Nummeriert. Ausgestellt.
Die Vitrinen stehen offen, doch jedes Schild warnt vor Berührung. Nummern ersetzen Namen; das Inventar behauptet, Herkunft, Zustand und Besitzer lückenlos zu kennen. Im Glas bewegt sich die ausgestellte Figur einen Augenblick später als ihr Spiegelbild. Hinter dem nächsten Vorhang wartet eine leere Halterung, bereits mit einer neuen Nummer versehen. Der Schrecken dieses Raums wächst aus der Frage, wann ein Mensch aufhört, als Mensch behandelt zu werden — und wer darüber Buch führt.
Du stehst hinter Glas, sorgfältig angeordnet und mit einem kleinen Schild versehen. Schritte nähern sich, bleiben vor dir stehen und gehen wieder. Du kannst nicht erkennen, ob jemand dich betrachtet oder nur das Ausstellungsstück prüft. Für die anderen bist du etwas, das man hinstellt und begutachtet.

Du musst stillhalten, während man deine Haltung bestimmt und dich an den vorgesehenen Platz stellt. Jede Bewegung fällt sofort auf, als hättest du die sorgfältig arrangierte Szene beschädigt. Um dich herum stehen Puppen mit unbewegten Gesichtern – und du fragst dich, ob die Besucher noch erkennen, welche von ihnen lebendig ist.

Man gibt dir einen neuen Rufnamen und gewöhnt dich an feste Abläufe. Andere behandeln dich wie ein Tier, während du jedes Wort verstehst und innerlich alles beobachtest. Das Halsband und die vertrauten Rituale machen die Rolle sichtbar; dein eigener Name bleibt unausgesprochen.

Du weißt, welches Zeichen für dich vorgesehen ist, und siehst es in Gedanken schon überall wieder: auf Gegenständen, an Türen, in den Blicken der anderen. Es soll zeigen, wem du gehörst. Die Vorstellung seiner Dauer macht dir mehr zu schaffen als der Moment, in dem es sichtbar wird.

Du wählst ein Motiv, dessen Bedeutung nur du und die andere Person kennen. Auf der Haut wirkt es klein, doch im Spiegel zieht es sofort deinen Blick an. Mit der Zeit liest du immer neue Bedeutungen hinein – und kannst nicht mehr so tun, als wäre es nur ein Bild.

Du stehst auf dem Marktplatz neben dem Hutmacher, der die Leine deines Halsbands hält. Vor euch warten wenige Menschen, während sie über deinen Preis und deine Verfügbarkeit sprechen, ohne nach deinem Namen zu fragen. Gebote fallen, als wärst du ein Gegenstand. Mit jedem Zuschlag scheint eine weitere Möglichkeit zu verschwinden; innerlich hältst du an deinem eigenen Blick auf dich fest.
